Weniger Show, mehr Substanz

Die Küchenbranche befindet sich in einer Phase leiser, aber tiefgreifender Veränderungen. Nicht alles davon lässt sich in Zahlen messen – vieles zeigt sich zwischen den Zeilen, in Konzepten, Messeentscheidungen und neuen Formaten.Ein Beispiel dafür ist der Trend zum „Invisible Cooking“. Die Idee der möglichst unsichtbar integrierten Küche findet bislang vor allem im Hochwertsegment ernsthafte Anhänger. Funktion verschwindet hinter Architektur, Technik hinter Materialität. Ein Ansatz, der zwar noch Nische ist, aber zunehmend Signalwirkung entfaltet – auch, weil er neue Antworten auf veränderte Wohn- und Lebensstile gibt.
Dieses Premiumsegment wird auch in Mailand auf der Eurocucina sichtbar sein. Gleichzeitig verzichten einige deutsche Hersteller bewusst auf die internationale Bühne – darunter Leicht Küchen, Eggersmann und Poggenpohl. Entscheidungen, die zeigen: Reichweite allein ist nicht mehr das Maß aller Dinge. Zielgruppen, Effizienz und Markenstrategie werden neu austariert.
Auf einen Bericht zur Kölner Möbelmesse verzichten wir in dieser Ausgabe bewusst. Köln bot in diesem Jahr weder dem mittelständischen Möbelhandel noch dem Küchenfachhandel eine adäquate Plattform. Stattdessen scheint sich die Ambiente Frankfurt – zumindest im Möbelbereich – ein neues Standbein zu erobern. Erste Hochwertanbieter waren bereits im vergangenen Jahr vertreten und berichteten von überraschend guter Resonanz.
Auch regional bleibt Bewegung das bestimmende Thema. In Ostwestfalen wird die Herbstmesseszene derzeit kräftig durchgeschüttelt: Neuzugänge auf Gut Böckel, Abgänge bei Area30 sowie Verschiebungen bei House4Kitchen, architekturwerkstatt, KCL und IDF34 sorgen für Gesprächsstoff – und zwingen Aussteller wie Besucher, ihre Routen neu zu planen.
Vor diesem Hintergrund wirkt die jüngst gegründete Finkemeier Holding – mit dem Flaggschiff Häcker Küchen – wie ein bewusst gesetzter Gegenpol zur allgemeinen Unruhe: mehr unternehmerischer Spielraum, klarere Strukturen und eine frühzeitig geregelte familiäre Nachfolge. Weniger Symbolpolitik, mehr langfristige Ordnung. Das Gespräch mit Jochen Finkemeier und Stefan Möller war hochspannend und inspirierend, ich lege Ihnen die Lektüre des Interviews wirklich ans Herz. Denn eins ist mir bewusst geworden, die Familie Finkemeier hat keine Angst vor der Zukunft, sondern saugt Zukunftsthemen auf.
Auf konkrete Aussagen zur konjunkturellen Entwicklung im laufenden Jahr verzichten wir in dieser Ausgabe. Angesichts der weltpolitischen Lage und der fehlenden innenpolitischen Konsequenz erscheint jede Prognose derzeit fragil. Wir warten ab, was das Frühjahr bringt.
Eines lässt sich jedoch bereits festhalten: Die Stimmung im Küchenfachhandel ist spürbar besser als in der Industrie. Vielleicht, weil Nähe zum Kunden oft schneller zeigt, wohin die Reise geht. Vielleicht auch, weil Veränderung dort weniger abstrakt ist – sondern täglich im Geschäft am Planungscomputer stattfindet.
Die Branche sortiert sich neu. Still, strategisch – und mit wachsendem Bewusstsein dafür, dass Zukunftsfähigkeit nicht auf Messen entschieden wird, sondern in Konzepten, Strukturen und Haltung.
Es ist Zeit, der dauerhaften Krisenstimmung aktiv etwas entgegenzusetzen und der viel beschworenen „German Angst“ keine Rückkehr zu erlauben. Der Küchenfachhandel zeigt bereits, dass Zuversicht möglich ist – jetzt braucht es diesen Spirit auch in der Industrie. Dann können wir wieder gestalten, investieren und mit Überzeugung nach vorn schauen,
davon bin ich überzeugt,
Ihre Stefanie Willach
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